Beton braucht eine stille Präsenz

Beton ist ein Material mit Gewicht. In der Architektur steht er für Tragkraft, Dauerhaftigkeit und Konstruktion. Im Design hingegen eröffnet er andere Fragen: Wie lässt sich seine rohe Materialität verfeinern? Wie kann ein schweres Material leicht wirken? Und wie entsteht aus technischer Präzision eine Form, die nicht dominiert, sondern Atmosphäre schafft?

Der international tätige Designer Bodo Sperlein beschäftigt sich in seiner Arbeit intensiv mit Material, Handwerk und skulpturaler Formgebung. Für Gravelli, die designorientierte Premiummarke für Objekte aus Architekturbeton, hat er unter anderem die Kollektion «Cove» sowie das modulare System «Cascade» entworfen. Beide Projekte zeigen, wie Beton im Aussenraum neu gedacht werden kann: nicht als starre Masse, sondern als ruhige, organische Gestaltungssprache.

Im Gespräch erklärt Bodo Sperlein, weshalb ihn der Blick zurück inspiriert, warum Reduktion für ihn ein Mittel zur Verdichtung ist und welche Verantwortung Design im Umgang mit Materialien trägt.

Sie arbeiten international und in unterschiedlichen Kontexten. Was inspiriert Sie aktuell am meisten?

Mich inspiriert der Blick zurück, nicht um zu kopieren, sondern um zu verstehen. Wie frühere Generationen dachten und arbeiteten: der Respekt vor dem Handwerk, der Wille, ein Ganzes zu gestalten, ein Gesamtkunstwerk aus Form, Material und Funktion. Genauso faszinieren mich die Rätsel, die Materialien aufgeben. Jedes Material hat eine eigene Sprache. Diese Sprache zu entschlüsseln, ist eine schöne Herausforderung. Daraus entstehen Objekte, die ins Heute passen und zugleich etwas von dieser Haltung vermitteln.

Viele Ihrer Arbeiten strahlen eine grosse Ruhe aus. Welche Rolle spielt Reduktion in Ihrem Entwurfsprozess?

Ich verstehe mich mehr als Künstler denn als reiner Designer. Reduktion hilft mir, das Wesentliche herauszuarbeiten: Form und Material. Die Form muss zum Material passen, das Material selbst sollte im Vordergrund stehen. Besonders reizt mich die biomorphe Formgebung – fliessend, organisch, fast skulptural. Meine Objekte werden zu Alltagsskulpturen. Sie beanspruchen den Raum nicht für sich, sind aber deutlich spürbar. Genau diese Balance erzeugt eine ruhige Atmosphäre.

Aussenräume werden heute immer stärker als Erweiterung von Architektur verstanden. Was macht für Sie einen gut gestalteten Aussenraum aus?

Ein gelungener Aussenraum ist eine nahtlose Fortsetzung der Architektur. Die Objekte sollten sich nicht als Fremdkörper verhalten. Entscheidend ist das Zusammenspiel: Das Material muss sich in die Umgebung einfügen, die Form den Raum fassen, ohne aufdringlich zu wirken. Die Objekte selbst brauchen eine eigene, stille Präsenz. Sie sollen den Aufenthalt im Freien bereichern, ohne den Ort zu vereinnahmen.

Ihre Objekte wirken unabhängig von Trends. Was macht für Sie gutes Design aus, das über viele Jahre Bestand hat?

Ich würde gerne für die Ewigkeit entwerfen – oder zumindest für die nächsten Generationen. Mir ist wichtig, dass ein Design handwerklich durchdacht, materialgerecht und formal klar ist. Es braucht meiner Meinung nach keine Erklärung. Man versteht und mag es hoffentlich sofort. Deshalb sind meine Formen bewusst leise, nicht laut. So bleiben sie über Jahre spannend, ohne sich abzunutzen.

Beton galt lange als Material des Hochbaus. Was fasziniert Sie daran im Möbeldesign?

Mich fasziniert an Beton seine rohe, ehrliche Materialität und seine skulpturalen Möglichkeiten. Zugleich gibt Beton Rätsel auf. Man muss ihn erst verstehen lernen. Gravelli ermöglicht mir einen direkten Austausch zwischen Gestaltung und Materialentwicklung. Nur so können wir die Grenzen des traditionellen Betons ausloten und eine Ästhetik schaffen, die sich von üblichen Lösungen abhebt.

Wie hat die Zusammenarbeit mit Gravelli Ihren Entwurfsprozess verändert?

Diese enge Zusammenarbeit war extrem bereichernd. Ich konnte bereits in der Entwurfsphase mit den spezifischen Möglichkeiten des Materials arbeiten. Wir experimentieren gemeinsam und entwickeln die Formensprache im Einklang mit den technischen Parametern. Das eröffnet neue, unerwartete Wege.

Materialien wie Beton stehen zunehmend im Fokus von Nachhaltigkeitsdebatten. Welche Verantwortung trägt Gestaltung?

Nachhaltigkeit bedeutet für mich vor allem, langlebige Objekte zu schaffen. Solche, die man nicht schnell wegwirft. Ein qualitativ hochwertiges, ästhetisch überzeugendes Produkt mit einer emotionalen Designsprache ist per se nachhaltiger. Dazu kommt ein respektvoller Umgang mit dem Material: seine Eigenschaften verstehen, es nicht verschwenden und seine Wertschätzung durch die Gestaltung sichtbar machen.

Mit «Cove» haben Sie eine skulpturale Betonbank und eine Outdoorküche entworfen. Was hat Sie zu dieser Form inspiriert?

Viele Gartenküchen orientieren sich an der Innenküche. Das ist meiner Ansicht nach der falsche Ansatz. Eine Hausküche ist funktional, technisch, oft dominant. Draussen braucht es dagegen Leichtigkeit und eine skulpturale Haltung, keinen massiven Klotz. Deshalb habe ich «Cove» als fliessende, organische Kontur entworfen, inspiriert von der Anmut traditioneller Kalligrafie. Der Korpus besteht aus Architekturbeton, die Arbeitsplatte aus poliertem Terrazzo. Dieser Kontrast zwischen Beton und Terrazzo ist mir wichtig. Der Terrazzo ist in verschiedenen Farbtönen erhältlich; für die erste Küche habe ich einen warmen Terrakottaton gewählt. Besonders aufwendig sind Spülbecken und Ablauffläche, die direkt in die Terrazzoplatte eingearbeitet sind – aus dem gleichen Material. Das zeigt das unglaubliche handwerkliche Können von Gravelli. Die dazugehörige Bank folgt derselben Designsprache und fügt sich sanft in den Garten ein. Beide Objekte unterstreichen einen skulpturalen Ausdruck im Garten, ohne ihn zu vereinnahmen. Das Hauptaugenmerk der Kollektion liegt auf der Küche, aber die Bank komplettiert die Formensprache.

Mit «Cascade» haben Sie ein modulares System aus Pflasterelementen und Pflanzgefässen entwickelt. Welche Idee steckt dahinter?

Ich wollte den Boden als lebendigen, gestaltbaren Raum verstehen, nicht als starre Fläche. Das Pflasterelement aus Klimastein, einem nachhaltigen Werkstoff der Schwesterfirma Godelmann, hat eine wellige, kurvenförmige Geometrie – bewusst anders als übliche kantige, streng geometrische Pflastersteine. Dadurch lassen sich fliessende Muster und organische Übergänge erzeugen. Die verschiedenen Verlegemöglichkeiten schaffen grafische Spannung. Godelmann arbeitet zudem mit unterschiedlichen Farbtönen, was die Fläche optisch aufwertet. Die Pflanztröge sind aus Leichtbeton gefertigt und in zwei verschiedenen Höhen sowie verschiedenen Farbtönen verfügbar. Sie setzen architektonische Akzente und erlauben sanfte Abtrennungen im Aussenraum – für städtische Planungen ebenso wie für private Gärten.

Beton als leise Geste

In den Entwürfen von Bodo Sperlein zeigt sich Beton nicht als demonstratives Statement, sondern als Material mit Tiefe, handwerklicher Präzision und skulpturalem Potenzial. «Cove» und «Cascade» verstehen den Aussenraum als gestaltbare Landschaft: fliessend, ruhig und im Dialog mit Architektur, Natur und Nutzung.

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