Altes Haus sanieren: Was erhalten, was erneuern?
Bei einer Sanierung scheint die erste Frage oft klar: Was muss ersetzt werden? Bei älteren Gebäuden lohnt es sich jedoch, vorher eine andere Frage zu stellen: Was sollte unbedingt bleiben? Historische Häuser besitzen Qualitäten, die sich nicht einfach neu herstellen lassen. Proportionen, alte Mauern, Holzbauteile, Naturstein, handwerkliche Details und Spuren früherer Nutzungen erzählen von ihrer Geschichte. Eine gute Sanierung muss deshalb nicht möglichst viel erneuern. Sie muss erkennen, welche Teile des Bestands tragfähig sind – technisch, räumlich und atmosphärisch.
Zuerst verstehen, dann verändern
Vor dem Entwurf steht die Bestandsaufnahme. Welche Bauteile sind original? Was wurde später verändert? Wo gibt es konstruktive Schäden? Welche Räume funktionieren gut, welche nicht? Gerade bei Häusern, die über Jahrzehnte mehrfach umgebaut wurden, lässt sich die Entwicklung oft an unterschiedlichen Materialien und Bautechniken ablesen. Nicht jede spätere Veränderung ist automatisch schlecht. Manche Ergänzung kann inzwischen selbst Teil der Geschichte geworden sein.
Son Martorell: Weiterbauen mit dem Bestand
Ein aktuelles Beispiel liefert Son Martorell auf Menorca. Das landwirtschaftliche Anwesen stammt aus dem Jahr 1886 und besteht aus einem Haupthaus, einem ehemaligen Viehstall und dem umgebenden Kulturland. Nach vielen Veränderungen und Jahren des Verfalls war die ursprüngliche räumliche Logik teilweise verloren gegangen. Das spanische Büro idearch entschied sich bei der 2026 abgeschlossenen Sanierung nicht für eine Rekonstruktion eines vermeintlich ursprünglichen Zustands. Stattdessen wurden erhaltene Strukturen gelesen, ungeeignete spätere Einbauten entfernt und neue Elemente bewusst als zeitgenössische Ergänzungen hinzugefügt. Die vorhandenen Mauern aus lokalem Marès-Stein bleiben ein prägender Teil des Projekts.
Nicht jede Patina muss verschwinden
Bei älteren Häusern besteht oft der Wunsch, nach der Sanierung alles «wie neu» aussehen zu lassen. Dabei kann genau das dem Gebäude Charakter nehmen. Eine unregelmässige Natursteinwand, reparierte Holzbalken oder leichte Unterschiede in historischen Oberflächen können wertvoller sein als eine perfekte Rekonstruktion. Das bedeutet nicht, Schäden zu romantisieren. Feuchtigkeit, statische Probleme oder schadstoffbelastete Materialien müssen fachgerecht behandelt werden. Die Kunst besteht darin, Alterung von Schaden zu unterscheiden.
Grundriss mit Augenmass verändern
Viele historische Häuser entsprechen nicht heutigen Wohngewohnheiten. Küchen waren kleiner, Verkehrswege anders organisiert und Räume stärker getrennt. Eine Sanierung darf darauf reagieren. Doch grosse Öffnungen sind nicht automatisch die beste Lösung. Wird jede Wand entfernt, kann ein Haus seinen räumlichen Rhythmus verlieren. Oft reichen gezielte Eingriffe: eine neue Sichtachse, eine breitere Verbindung zwischen zwei Räumen, eine zusätzliche Öffnung zum Garten oder eine neue Nutzung für einen bestehenden Nebenraum.
Alt und neu dürfen unterschiedlich sein
Eine häufige Unsicherheit lautet: Müssen neue Bauteile aussehen wie die alten? Nicht zwingend. Neue Elemente können sich in Proportion, Material oder Farbe auf den Bestand beziehen, ohne ihn zu imitieren. Gerade dadurch bleibt lesbar, welche Teile zum historischen Haus gehören und welche aus der heutigen Nutzung entstanden sind. Bei Son Martorell werden bestehende Steinmauern beispielsweise mit neuen weissen Stahlelementen und Glas kombiniert.
Schadstoffe früh abklären
Bei älteren Schweizer Gebäuden gehört auch die Schadstoffabklärung zur verantwortungsvollen Planung. Asbest wurde in der Schweiz 1990 verboten. Die Suva weist darauf hin, dass vor Umbau- und Renovationsarbeiten an Gebäuden, die vor 1990 erstellt wurden, eine mögliche Asbestbelastung abgeklärt werden muss. Verdächtige Materialien sollten nicht eigenmächtig bearbeitet werden. Eine frühe Untersuchung erhöht nicht nur die Sicherheit, sondern verbessert auch Kosten- und Terminplanung.
Gebäudetechnik unsichtbar integrieren
Heizung, Elektroinstallationen, Lüftung und Sanitärtechnik stellen bei alten Häusern besondere Anforderungen. Leitungen sollten so geplant werden, dass möglichst wenig wertvolle Substanz zerstört wird. Manchmal ist eine sichtbare, sauber geführte Installation sinnvoller als aufwendige Schlitze durch historische Wände.
Fazit
Ein altes Haus muss nach einer Sanierung nicht wieder jung aussehen. Gute Umbauten schaffen etwas anderes: Sie erhalten die Qualitäten, die nur der Bestand besitzt, und ergänzen genau dort, wo heutiges Wohnen neue Anforderungen stellt. Wer zuerst fragt «Was ist erhaltenswert?» und erst danach «Was ersetzen wir?», hat gute Voraussetzungen für eine Sanierung, die nicht nur technisch funktioniert, sondern dem Haus seine Identität lässt.




