Zwischen Leichtigkeit und Präsenz: Francesca Lanzavecchia über Licht als Erlebnis
Für Foscarini entwirft Francesca Lanzavecchia mit «Allumette» und «Tilia» zwei Kronleuchter, die Licht nicht nur funktional verstehen, sondern als atmosphärisches und emotionales Element im Raum. Im Gespräch erzählt sie, warum Design für sie immer auch Konfliktlösung ist – und wie aus Technik Poesie wird.

Was glauben Sie, wonach Foscarini gesucht hat, als sie Sie für dieses Projekt angefragt haben?
Wir haben uns während des Salone del Mobile mit Foscarini getroffen und sofort eine Beziehung gegenseitigen Interesses aufgebaut. Ich glaube, sie wollten verstehen, wie mein Ansatz – die ständige Suche nach dem Staunen und der Überraschung im Alltag – mit ihrer eigenen Ausdrucksform in einen Dialog treten könnte.
Mich selbst hat die Vision von Foscarini schon immer fasziniert: Design nicht nur als Industrie zu sehen, sondern als eine Manufaktur von Träumen, die durch ihre Projekte Menschlichkeit vermittelt – immer mit einem subtil surrealen Unterton. In dieser Komplexität habe ich die Möglichkeit gefunden, neue Wege zu gehen, Licht zu interpretieren und an einem Projekt zu arbeiten, das mehr ist als ein Selbstzweck. Es ist kein Zufall, dass bereits in unserem ersten Briefing das Spannungsfeld zwischen Leichtigkeit und Präsenz, Ordnung und Unordnung als zentrales Thema auftauchte.
Ist es heute für eine Designerin oder einen Designer selten, auf eine solche Vision zu treffen?
Viele sprechen in ihren Erzählungen von dieser Vision, doch nur wenige Unternehmen setzen sie wirklich konsequent und authentisch um – nicht nur als Marketingstrategie, sondern als zentrales Prinzip eines Projekts, von Anfang an. Aktuell gibt es ein starkes Bedürfnis nach Leichtigkeit und neuen Erzählweisen. Doch ohne einen echten, strukturierten Ansatz, wie ihn Foscarini verfolgt, bleiben solche Ideen oft nur Konzepte, die nie den Markt erreichen. Viel zu häufig entstehen Produkte aus rein marktorientierten Überlegungen – und erst im Nachhinein wird ihnen eine Geschichte über eine gestalterische Entdeckungsreise angedichtet, die in Wirklichkeit nie stattgefunden hat.
Lassen Sie uns die beiden Kronleuchter vergleichen…
Beide Kronleuchter sind mehr als reine Objekte. Sie nehmen eine zentrale Rolle im Raum ein, tun dies aber mit Leichtigkeit – in einem feinen Gleichgewicht zwischen Technik, Ausdruck und Poesie. Letztlich wurden sowohl Allumette als auch Tilia entworfen, um Licht auf eine atmosphärische Weise erlebbar zu machen und jeden Raum in einen intimeren, lebendigeren und ausdrucksstärkeren Ort zu verwandeln.
Ausgehend von Ihrem gestalterischen Ansatz sind die beiden Leuchten jedoch sehr unterschiedliche Designkonzepte.
Allumette basiert auf dem Spiel der Gegensätze – Fülle und Leere, Präsenz und Transparenz. Ich habe sie mit einem eher ingenieurhaften Ansatz entworfen, bei dem Struktur, geometrische Spannung und Asymmetrie im Fokus stehen. Tilia hingegen ist von der organischen Entwicklung natürlicher Formen inspiriert. Sie ist eine skulpturale Interpretation der unsichtbaren Prinzipien, die das Wachstum natürlicher Strukturen im Raum ermöglichen – wie die Verzweigungen von Flussdeltas, die Adern eines Blattes oder die Formationen von Korallen.

Warum haben Sie sich für zwei so unterschiedliche gestalterische Ansätze entschieden?
Ich verfolge immer mehrere Wege gleichzeitig. Es fasziniert mich, Wissenschaft, Technologie und Physik einzubeziehen, ohne dabei auf intuitive, vertraute Objekte zu verzichten – fast wie visuelle und taktile Offenbarungen. Bei Allumette bestand der Ausgangspunkt darin, einen Kronleuchter auf seine essenziellen Bestandteile zu reduzieren. Ich habe mit technologischen Elementen, Dreiecksstrukturen und unregelmässigen Balancen gearbeitet, um ein komplexes Objekt in eine Struktur zu verwandeln, die mit dem Kontrast von Spannung und Leichtigkeit spielt.
Tilia hingegen basiert auf der Idee eines organischen Wachstums, inspiriert von natürlichen Prozessen: Verästelungen, Fraktale, netzartige Strukturen. Ich habe versucht, diese Muster zu entschlüsseln und in ein Lichtsystem zu übersetzen, das sich im Raum ausbreitet – so wie ein Baum seine Äste dem Sonnenlicht entgegenstreckt.
Betrachten wir die Leuchten einzeln. Was ist das Wesentliche an Allumette?
Allumette ist weniger ein einzelnes Objekt als vielmehr eine ganze Familie von Kronleuchtern – Konstellationen im Raum, die Gegensätze in Balance bringen: Leichtigkeit und Präsenz, strenge Geometrie und weiche Linien. Die Leuchte wurde wie eine Choreografie entwickelt und verändert sich je nach Blickwinkel. Ihre Asymmetrie ist ein zentrales Gestaltungselement, ebenso wie das Zusammenspiel von transparenten und massiven Bereichen, die Spannung zwischen der festen Metallstruktur und den flexiblen Kabeln, die an klassische venezianische Kronleuchter erinnern.
Und dann gibt es diesen magischen Moment, wenn das Licht die Leuchte durchdringt und sie völlig verwandelt. Die Lichtquelle besteht aus transparenten Methacrylat-Röhren, die an den Armen befestigt sind. Das LED-Licht fliesst durch sie hindurch und tritt an den konisch zulaufenden, angerauten Enden aus – dadurch verwandeln sich die filigranen Elemente in leuchtende Akzente, fast wie kleine Flammen, die scheinbar im Raum schweben. Das Ergebnis ist eine Erfahrung des Entdeckens – vergleichbar mit Prousts Madeleine: ein Objekt, das ein Gefühl von vertrauter Intimität vermittelt und gleichzeitig vollkommen neuartig ist.
Apropos Vertrautheit – auf den ersten Blick scheint Allumette eine gewisse Nähe zur 2097 von Sarfatti zu haben. War diese Anspielung bewusst gewählt?
Sarfattis Kronleuchter ist ein ikonisches Design und war eine wichtige Inspirationsquelle für dieses Projekt – weniger in der Form, sondern vielmehr in seiner Art, die technische Komponente sichtbar zu machen. Besonders fasziniert hat mich, wie das Design den Raum um einen zentralen Punkt herum einnimmt. Doch von diesem Ausgangspunkt aus bin ich für Allumette einen anderen Weg gegangen: Meine Inspiration lag in den ursprünglichen Lichtquellen – der Kerze – und in der Dreiecksstruktur der Arme, deren Länge und Geometrie variieren. So konnte der Schwerpunkt bewusst aus der Achse verschoben werden.
Sie haben gesagt, dass der Moment des Einschaltens entscheidend ist. Wie haben Sie ihn gestaltet?
Ich wollte eine Lichtwolke über dem Tisch erschaffen. Dafür war Symmetrie ein Schlüsselaspekt: Ein symmetrisches Objekt würde eine gleichmässige Lichtkugel erzeugen, aber ich wollte eine diffuse, warme und natürliche Lichtwolke. Die Grundidee war, die Magie der Reflexion in einer transparenten Röhre zu nutzen – das Licht wird nach oben gelenkt, reflektiert sich und breitet sich dann rundum aus. In dem Moment, in dem die Leuchte eingeschaltet wird, erwachen die transparenten Elemente zum Leben und die gesamte Balance des Objekts verändert sich.

Woran erkennen Sie, dass Sie die richtige Lösung für ein Projekt gefunden haben?
Ich arbeite meist an mehreren Projekten gleichzeitig. Wenn ich zu einem Meeting mit einem Kunden komme, habe ich fünf Ideen im Gepäck – einige davon verwerfe ich bereits vor der Präsentation, um mich auf diejenige zu konzentrieren, die mich am meisten überzeugt. Ich nutze intensiv 3D-Modelle, um Ideen schnell zu testen, und betreibe historische Recherche. Es ist ein Prozess des lateralen Denkens – eine Kombination aus technischem Know-how und persönlicher Intuition, um einer neuen Idee Form zu verleihen.
Welche Rolle spielte Foscarini in der Entwicklung des Projekts?
Dieses Projekt war wie ein wunderbarer Tanz. Die spannendsten Momente sind der Anfang – wenn man noch nichts weiss – und der Moment, in dem die Zusammenarbeit beginnt. Foscarini hat technische Herausforderungen mit grosser Sorgfalt gelöst und dabei Ingenieurskunst und gestalterische Vision in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht.
Kommen wir nun zu Tilia.
Tilia basiert auf der Untersuchung mathematischer und physikalischer Prinzipien wie der Fibonacci-Folge oder fraktaler Strukturen in der Natur. Ich wollte ein Lichtsystem schaffen, das nicht starr wirkt, sondern sich scheinbar organisch im Raum ausbreitet – mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie ein lebendiger Organismus.
Wie gelingt es Ihnen, den technischen Reiz zurückzunehmen?
Ich habe mit einer besonderen Materialsensibilität gearbeitet. Statt sie zu verstecken, werden Verbindungen zu kleinen Schmuckstücken, während die matten Glasdiffusoren ein sanftes, einhüllendes Licht verbreiten. Der Kronleuchter sollte wirken, als sei er eine fast natürliche Erscheinung – und gleichzeitig bei genauer Betrachtung seine konstruktive Raffinesse offenbaren.
Dissonanz und Asymmetrie spielen in Ihrer Arbeit eine zentrale Rolle. Warum?
Wir leben in einer Welt perfekter Objekte – dabei sind wir als Menschen unvollkommen. Ein asymmetrisches Objekt kann uns näher erscheinen, fast menschlicher. Für mich liegt die wahre Schönheit genau in dieser Unvollkommenheit.

Design soll sich stärker am Menschen orientieren. Gelingt das heute?
Oft stehen dem Marktanforderungen und Trends entgegen. Manchmal treffe ich inklusive Entscheidungen ganz bewusst im Hintergrund – etwa indem ich ein Sofa minimal höher mache, damit es für ältere Menschen einfacher wird. Design muss sensibel sein für den menschlichen Körper und dessen Realität.
Sie sagen: «Design ist die Lösung von Konflikten.» Lässt sich das auch auf den Alltag übertragen?
Design fordert uns dazu auf, Dinge zu hinterfragen, weiterzuentwickeln und zu verbessern. Und es hat noch eine weitere Qualität: Es lässt uns ein Stück weit Kind bleiben. Es öffnet unsere Augen und lehrt uns, das Staunen nicht zu verlieren.




