Flammendesign aus Winterthur
In seiner Werkstatt wirkt alles ausgesprochen ordentlich. In seinem Kopf jedoch fliegen die Ideen manchmal wild durcheinander. Einige der Geistesblitze von Thomas Brupbacher finden in seinem Bildhauer-Atelier in Winterthur den Weg in die konkrete Umsetzung: so etwa die mit Bioethanol betriebenen Feuerskulpturen.

Es geht einem durch Mark und Bein, das durchdringende Geräusch der Metallfräse, mit der Thomas Brupbacher eine Chromstahlplatte bearbeitet. Heller Funkenregen umsprüht seine Hände – und schon liegt eine runde Metallscheibe vor ihm auf dem Tisch. Wir befinden uns an der Riedhofstrasse in Winterthur-Wülflingen. Hier, etwas ausserhalb des Stadtkerns, hämmert und meisselt, schnitzt und schleift, fräst und schweisst der gelernte Bildhauer seit bald fünfzehn Jahren an seinen Kreationen. Zu seinem Repertoire gehören seit einiger Zeit auch Feuerskulpturen aus Chromstahl oder Eisen, die – je nach Gewicht – verschiebbar sind und so stets am gewünschten Ort zum Einsatz kommen können. Da sie mit Bioethanol betrieben werden, haben Freunde des Feuerzaubers weder mit lästiger Rauchbildung noch mit unangenehmem Gestank oder Ascheresten zu kämpfen. Dem ungestörten Flammengenuss steht also nichts im Wege.

Fondue-Rechaud als Inspirationsquelle
Eine Faszination für züngelnde Flammen hegte Thomas Brupbacher bereits im Kindesalter. Heute ist es vor allem der ambivalente Charakter des Elements, welcher ihn fesselt: «Einerseits ist Feuer unberechenbar und birgt grosse Gefahren, andererseits spendet es Wärme und Licht, wirkt unglaublich gemütlich und kann ein Gefühl der Geborgenheit erzeugen.» Die im wahrsten Sinne des Wortes zündende Idee zu einer kaminfreien Cheminée-Alternative lieferte das gutschweizerische Käsefondue: «Nach dem Essen habe ich das Feuer im Rechaud stets weiterbrennen lassen, weil mir die ruhige Flamme gefiel. Eben diese Ästhetik wollte ich auch unabhängig von der Mahlzeit erzeugen und geniessen», erinnert sich der Kunstschaffende. Dass er zusätzlich zur klassischen Bildhauerei vor rund sechs Jahren ins Schlosserhandwerk eingeweiht wurde, kam ihm bei der Verwirklichung seiner Idee natürlich entgegen.
Für den gebürtigen Winterthurer hat das Bearbeiten von Metall einen ganz besonderen Reiz. Auch in seine Stein- und Holzskulpturen integriert er dann und wann metallene Elemente und verleiht ihnen dadurch eine persönliche Handschrift. Vor allem Chromstahl, der keine Nachbehandlung benötigt, und Eisen, welches durch die Oxidation eine eigentümliche Rostästhetik entwickelt, gehören im Moment zu seinen Materialfavoriten: «Metall kann man schmelzen, biegen, fliessen lassen oder sogar verbinden. Stein ist im Unterschied dazu viel unnachgiebiger, viel starrer und eigenwilliger», erklärt Brupbacher. Parallelen zur derzeitigen Material-Vorliebe finden sich auch in seiner Lebenseinstellung: «Früher wollte ich vieles erzwingen und hatte sehr fixe Vorstellungen von mir, meiner Umwelt und meiner Zukunft. Inzwischen bin ich flexibler geworden, habe mehr Vertrauen ins Leben und lasse die Dinge auf mich zukommen», sagt’s und lehnt sich nachdenklich im Stuhl zurück.
Doch die Pause ist nicht von Dauer. Stattdessen setzt sich Thomas Brupbacher energisch den Schutzhelm auf und beginnt konzentriert zwei Halbkugeln aus Chromstahl zusammenzuschweissen. Für einige Minuten taucht seine Werkstatt in ein mystisches blaues Licht. «Manchmal versuche ich ganz einfach mit denjenigen Materialien, die mir gerade zur Verfügung stehen, etwas Neues zu konzipieren», kommentiert er, um sich sogleich wieder in seine Arbeit zu vertiefen. Das Schweissen fordert eine ruhige Hand – schliesslich soll beim fertigen Produkt nicht mehr erkennbar sein, dass jede der beiden Kugelhälften einst ein Eigenleben führte.

Der mit dem Feuer spielt
Schwieriger als die Metallbearbeitung erwies sich für den Bildhauer die Entwicklung eines schönen Flammendesigns. Das Feuer sollte weder zu stark flackern noch unkontrolliert züngeln, sondern sich möglichst ruhig und gleichmässig entfalten. Mit Hilfe einer nicht brennbaren Wolle, die mit Bioethanol getränkt wird, ist ihm dies schliesslich gelungen. Die Methode birgt einen weiteren praktischen Vorteil: Sollte eine Skulptur aus irgendeinem Grund plötzlich zu Fall kommen, breitet sich der hochbrennbare Alkohol nicht auf dem Boden aus. Ein gesundes Mass an Vorsicht ist im Umgang mit den dekorativen Objekten dennoch geboten: «Wenn meine beiden Jungs herumtollen, würde ich mich davor hüten, eine der Feuerskulpturen in Gang zu setzen», so Brupbacher.
Inzwischen sind wir über die Aussentreppe in den ersten Stock gelangt. In den privaten Wohnräumen, direkt über dem Atelier, ist die ganze Palette der bislang entwickelten Feuerskulpturen versammelt. Am Boden aufgestellt, auf einer Kommode arrangiert oder von der Decke baumelnd, präsentieren sich rund sechzehn Modelle – jedes von ihnen ein handwerklich gefertigtes Unikat. An Inspiration für seine Kreationen hat es dem Familienvater bislang nie gefehlt – im Gegenteil: «Mir fällt es manchmal schwer, meine Ideen zu bündeln und mich nicht zu verzetteln», sagt er und beginnt in einigen seiner Metallfiguren ein Feuer zu entfachen. Zu Beginn tanzen die Flammen noch aufmüpfig hin und her, doch bereits nach wenigen Minuten lodern sie friedlich in den schmucken Brennkörpern. Die steigende Raumtemperatur wird nun deutlich spürbar.

Bodenständiges Kunsthandwerk
Dass er eines Tages den Weg der Bildhauerei einschlagen würde, war für Thomas Brupbacher keineswegs seit jeher klar: «Mein Vater arbeitete als Lehrer an der Berufswahlschule und mit seiner Unterstützung habe ich am Ende meiner Schulzeit diese Entscheidung gefällt.» Das «Kreativ-Gen» und die Freude am Gestalten scheinen jedoch in der Familie zu liegen: Beide Elternteile malten in ihrer Freizeit und einer der Brüder besuchte ein Kunstgymnasium in Zürich. Von ihm stammen auch zwei Bilder an der Wohnzimmerwand. «Mir persönlich hat das Dreidimensionale und das Handwerkliche stets mehr zugesagt», erzählt Thomas Brupbacher, der sich selbst nicht als Künstler bezeichnet, sondern als Handwerker – oder vielleicht als Kunsthandwerker. Rund 60 Prozent seiner Arbeitszeit ist er mit Aufträgen beschäftigt. Darunter fallen vor allem Grabsteine, Grabkreuze oder Urnen, von Zeit zu Zeit auch ein Tisch, ein Brunnenspiel oder eine Gartenskulptur, bei der er sich kreativ austoben darf. Daneben arbeitet er an einzelnen Tagen für eine Schlosserei in der Nähe. Seit er 1995 den Schritt in die Selbständigkeit wagte, hat der Skulpteur mit seinem Atelier schon manche Höhen und Tiefen durchlebt. Im letzten Jahr stand er sogar kurz davor, seine Werkstatt mit allem Drum und Dran zu verkaufen. Zum Glück kam es dann doch nicht soweit – und seither floriert das Geschäft wieder mehr denn je.
An Visionen für die Zukunft fehlt es dem 37-Jährigen nicht: Die Grenzen der verschiedenen Materialien und Verarbeitungstechniken fordern ihn stets aufs Neue heraus. Gerne würde er sich vermehrt mit naturalistischen Gestaltungsweisen auseinandersetzen, um eines Tages vielleicht auch figürliche Skulpturen mit Feuer zu kombinieren. Doch im Augenblick fehlt ihm schlichtweg die Zeit dazu. In den nächsten Wochen wird so wohl auch kein kreatives Chaos die Ordnung in der Werkstatt an der Riedhofstrasse bedrohen. Wie es derweil im Kopf des Atelierbesitzers aussieht, steht auf einem anderen Blatt.

Autor: Rita Kuprecht


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