Blaues Wunder
Das Haus am Hang mutet an, als sei ein Stückchen Süden in der Ostschweiz gelandet. Das ovale Mittelstück erinnert an einen Schiffsbug. Blaue Wellenmuster zieren die Fassade. Der etwas abseits gelegene Pool, über dem sich ein Sonnensegel spannt, die textilen Geländer, der enorme weisse Aussenvorhang: All das könnte genauso im sonnigen Südkalifornien liegen. Dieses Lebensgefühl wollte Roger Edelmann, Architekt und Bauherr in einem, wecken. Mit seiner Ehefrau Maja führt der Mittvierziger das Wiler ­Architektur-Büro Arson AG. Dass dem Paar an der Strenge der heutigen Architektur wenig liegt, erkennt man bereits am Firmenlogo: Eine Rakete fliegt durch den Retro-Schriftzug. «Das Logo ist von ‹Tim und Struppi› inspiriert», erklärt Roger Edelmann.


Diesen Freiflug der Kreativität konnten sich die Edelmanns nicht immer zugestehen. «Im Architektur-Studium lernt man eine Richtung», erinnert sich der Bauherr. «Es ist wie ­Kochen mit Betty Bossi: immer gut, aber man wächst nicht über sich hinaus.» Rund sechs Jahre später stellte er fest, dass sich Routine und Wiederholung breitmachten – eine spürbare Änderung musste her. Die Rakete kam aufs ­Logo, das Büro zog ins frisch gebaute «Kraftwerk» in Wil, und die Architektur bewegte sich in die Richtung, die dem Architekten am Herzen lag: Die 30er- und 50er-Jahre in den USA, Elemente aus der Welt der Bühnen- und Filmsets sowie das Maritime zählt Edelmann zu seinen Inspirationsquellen. «Wir bauen nicht so, um aufzufallen», erklärt er, «sondern einfach so, wie wir fühlen und denken.»


Eine Welt für Sich



Auffällig sind Edelmanns Projekte trotzdem, auch das eigene Haus in Wil. «Unsere Welt», so nennen beide den markanten Bau. Gestartet haben sie mit dem Architektur-Büro in der eigenen Wohnung. Bald kamen Angestellte dazu, und über viele Jahre hinweg war das Schlafzimmer der einzige Privatraum. Mit der Familiengründung führte der Weg über eine separate Wohnung schliesslich zum eigenen Haus. Der durchdachte Neubau bietet nun mehr als genug Platz für alle – ein Privileg, dessen sich die Familie durchaus bewusst ist. Ein einladend gestalteter Weg führt von der Strasse mit zwei Garagen hoch zum Haupteingang. Dahinter: Ein geräumiger Eingangsbereich, von dem eine sich kurvende Rampe zum leicht angehobenen Wohnbereich führt. Unterwegs zweigen weitere Räume vom spiralförmigen Gang ab: Gäste-WC, Waschküche sowie das Musikzimmer. Ein verspieltes Muster aus Fischen, im hellen Terrazzo-Boden eingelassen, zeigt dem Besucher den Weg.


Auf der anderen Seite der Ellipse öffnet sich der Wohn- und Essbereich. Bei aller Offenheit musste er aber Geborgenheit vermitteln. In unregelmässigen Abständen platzierte Holz­bohlen schaffen die nötige Grenze: Der Durchgang bleibt offen, ohne den Raum zu gross wirken zu lassen. Dahinter verbirgt sich die Küche, eine Sonderanfertigung mit einer Terrazzo-Platte auf der Kochinsel, mit Küchengeräten von Bauknecht und V-Zug. Ein runder Tisch bietet Sohn Laurin (8) und den Zwillingen Olivia und Fiona (6) Platz für Hausaufgaben. Das Wohnzimmer liegt im Herzen der Ellipse, leicht abgesenkt gegenüber dem Essbereich. Anstatt einer Fensterfront hat es hier wenige, gezielt platzierte Fenster. Das liege daran, dass der Raum vor allem abends genutzt werde, erklärt Edelmann. Zu grosse Fenster wirken nachts schwarz und abweisend. Die rauen Natursteinwände sorgen dagegen zu jeder Tageszeit für Gemütlichkeit.


Eine Wendeltreppe im hinteren Teil der Ellipse führt in eine ­grosse Galerie im Obergeschoss. Oberlichter sorgen für Tageslicht im Inneren des Gebäudes. Der gesamte hintere Teil des Stockwerks ist das Reich der Kinder. Hier befinden sich ihre Schlafzimmer und das geräumige Badezimmer. Der Grossteil der Galerie dient als Spielfläche. Den Eltern ­gehört der Bereich im Inneren der Ellipse. Durch ein grosses Badezimmer mit Ankleide gelangt man ins Schlafzimmer. Eine dunkle Tapete an der Rückwand verleiht dem Raum die Atmosphäre einer Hotel-Suite. Ein Neonschriftzug ziert die Decke, und ein Balkon lässt das Ehepaar den Tag begrüssen. Auf der Galerie daneben findet sich ein offenes Büro, in dem ein paar Regale von Stofftieren beschlagnahmt wurden. «Wir wollen kein perfekt durchgestyltes Haus», sagt Edelmann. Ein Scherenschnitt an der Wand und ein alter Bauernschrank gehören dazu, auch wenn sie nicht zum Stil passen. «Solche Objekte sind durch persönliche Geschichten mit uns verbunden und müssen Platz haben.»



Badespass und Energiequelle

Die ausserordentliche Liebe zum Detail zeigt sich auch im Aussenraum. Vom Essbereich gelangt man auf einen gemütlichen Sitzplatz an der Ostseite des Hauses. Hier kann man gemeinsam Zeit verbringen, sitzen, essen, spielen, im Holzbackofen Pizza machen. «Das ist mein Lieblingsplatz im ganzen Haus», gibt Edelmann zu. Auf der Südseite des Hauses erstreckt sich ein Rasen, der von einer Mauer und einer wellenförmigen Hecke begrenzt wird. Von der breiten Veranda mit Schaukelstühlen blickt man über die Stadt. Der weisse Vorhang macht aus der Veranda einen eigenständigen Raum, der ebenso offen wie gemütlich ist. Vom Rasen führt eine gebogene Holzbrücke zum Pool-Bereich, dessen ovale Form mit der Ellipse des Hauses harmoniert. Ein grosses Sonnensegel bietet Schatten und ­reflektiert abends stimmungsvoll die Pool-Beleuchtung. Dass der Badebereich aus dem Haus kaum sichtbar ist, hat einen Grund. «In unseren Breitengraden würden wir sonst das halbe Jahr nur die Pool­-Abdeckung sehen», erklärt Edelmann. «Zudem kann man sich so ­einen «Mojito» mischen, über die Brücke laufen und schon ist man in den Ferien», sagt der Architekt. Aber auch in den Winter­monaten ist der Pool nicht «arbeitslos»: Er dient als Wärme­speicher. Sonnenkollektoren auf dem Dach speisen Wärme in das gut isolierte Becken, und eine Wasser-Wasser-Wärmepumpe entzieht sie im Winter zum Heizen. Das innovative Energiekonzept hat sich bisher ­bewährt. Nur in einem harten Winter muss die Familie eine zusätzliche kleine Luft-Wasser-Wärmepumpe einschalten.


Eigenwillig und kreativ: Das Haus der Edelmanns verbindet durchdachten Stil mit unbeschwerter Persönlichkeit. Hier koexistiert ein enormer Blumentopf mit einer Stoffgiraffe, und ein banaler Käfig mit Degus findet Platz neben dem Designer-Esstisch. Doch trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, ist es ganzheitlich in sich stimmig – nicht als Vorzeigeobjekt, sondern als Zuhause.

Text: Anna Ettlin, Fotos: Albrecht Schnabel



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